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Alles und nichts sehen.


Zu den Abstrakten Räumen von Jamile Azadfallah
Lisa Ortner-Kreil
 

„Wollen wir uns in der Anwaltskanzlei Fellner Wratzfeld & Partner am
Schottentor treffen?“, fragt mich Jamile Azadfallah am Telefon. „Dort
sind momentan ein paar Bilder von mir ausgestellt, da können wir uns
in Ruhe unterhalten.“ Eine Woche später trete ich mit der Künstlerin
vor zwei gleich große Bildwerke. „Was ist das – technisch?“ frage ich.
„Das ist vieles – technisch“, gibt sie mir zur Antwort. Vor einem Hintergrund
aus verschiedenen grauen Segmenten finden sich malerische Spuren
und abstrakte Körper und Objekte. Abstrakter Raum nennt Jamile
Azadfallah diese Arbeiten, die im Jahr 2023 entstanden sind. Die Raumwirkung
ist enorm: Was ist Vordergrund? Was ist Hintergrund? Was
ist Objekt und was ist Malerei? Was ist 2D, was 3D? Und dann – ist das
alles tatsächlich auch noch Fotografie?
Jamile Azadfallah, geboren 1985 in Karaj/Iran, lebt und arbeitet in
Wien. Sie verfügt über einen Bachelor-Abschluss in Grafikdesign und Illustration
von der Universität Teheran und hat Kunst und Fotografie bei
Martin Guttmann an der Akademie der bildenden Künste Wien studiert.
Ausgangspunkt, erklärt sie mir, sind immer Skizzen. Sie zieht mehrere
kleine Skizzenbücher aus einer Stofftasche. Tatsächlich kann ich Motive,
die wir soeben in den beiden Bildern gemeinsam betrachtet haben, im
Skizzenbuch wiederfinden. Der Weg von der ersten Idee bis zum finalen
Bild ist langwierig und involviert eine Vielzahl an Medien – kontinuierlich
begleitet auch die Fotografie diesen Prozess. Jamile Azadfallah entwirft
zunächst auf Papier einen Raum und gestaltet anschließend die
einzelnen Details dieses Raumes – Linien, Gitterstrukturen, organische
Körper und Formen. Dafür malt oder entwickelt sie kleine Objekte, um
anschließend, basierend auf der Skizze, alle Details zu einem Bildraum
zusammenzuführen. Dieser wird als eine Art Arrangement stetig verändert
und untersucht. Auf Basis eines Rahmens, der auf der finalen
Fotografie jedoch nicht sichtbar ist, montiert und installiert die Künstlerin
ihre räumlichen Setzungen. Ein ganz eigenständiger, bildhafter Ausdruck
entsteht, der sich letztlich als Fotografie darstellt – bei der aber
sofort ersichtlich ist, dass ein langwieriger und komplexer Prozess dem
Bildergebnis vorangegangen ist. Besonders fasziniert mich die räumliche
Wirkung der – eigentlich flachen – Farbfotografie. „Ich wollte immer
diese Tiefe erreichen“, sagt die Künstlerin.
Jamile Azadfallahs Arbeiten als „Mixed Media“ zu bezeichnen, wird
diesen nicht annähernd gerecht. Während das „Everything goes“ der
postmodernen Kunstproduktion über alle Medien hinwegfegt und sie
miteinander kombiniert, richtet die Künstlerin den Blick bei Anlage und
Komposition ihrer Bilder eher in die Vergangenheit: „Ich bin ein ziemlicher
Kunstgeschichte-Freak“, erzählt sie. Und tatsächlich spürt man
in den weichen, verbogenen, scheinbar nach unten tropfenden Kreisformen
einen Salvador Dalí, kann in der zurückgenommenen, schlichten
Farbigkeit und Körperhaftigkeit einen Giorgio Morandi erahnen, im
Prinzip des „räumlichen Bauens“ einen Giorgio de Chirico oder in den
spannungsreich und doch harmonisch gesetzten Linien und Strukturen
einen Paul Klee nachempfinden. Jede Pore, jede Faser dieser mit einer
superhochauflösenden Kamera fotografierten Arrangements ist nachvollziehbar
und entdeckbar – und doch: Obwohl wir „alles“ sehen, verschließt
sich das Bild, bleibt offen und nicht dechiffrierbar. Das Paradox
von „Alles und Nichts sehen“ – Jamile Azadfallah löst es ein. Scheinbar
im Vorbeigehen kommentiert sie damit auch unsere bilderüberschwemmte
Gegenwart, deren visuelles Primat im Kontext schier unbegrenzter
technischer Möglichkeiten Donna Haraway in ihrem Buch „Die
Neuerfindung der Natur“ als „unkontrollierte Gefräßigkeit“ beschrieben
hat. Jamile Azadfallah hantelt sich über einen langwierigen Prozess
hin zu Bildern, die scheinbar aus den Medien selbst bestehen. Malerei,
Zeichnung, Objekt und Fotografie bezieht sie gleichermaßen ein, sucht
und findet Bilder, die auf die Medien selbst verweisen und unseren Augen
eine Sehfläche bieten, die wir abtasten können – eine Fläche, die
geheimnisvoll vertraut wirkt und dennoch offen, weil abstrakt, bleibt.
Als digitale Praxis, die sich aus analogen Quellen speist, so könnte man
Jamile Azadfallahs künstlerische Arbeit beschreiben. Der hohe Grad an
Abstraktion ist der Künstlerin dabei besonders wichtig: „Ich möchte Bilder
entstehen lassen, die unabhängig von konkreten Themen oder narrativen
Vorgaben existieren – Werke, die für sich stehen und ihre eigene
Sprache entfalten. Dennoch erkenne ich im Nachhinein oft Spuren
persönlicher Erfahrungen oder innerer Spannungen, die sich unbewusst
eingeschrieben haben.“ Für die Erzeugung ihrer Abstrakten Räume
geht sie wie eine Malerin vor, arbeitet in Schichten – jedoch, im großen
Unterschied zur Malerei, im Raum mit Vorder- und Hintergrund. Zeichnung,
Malerei und Objekte werden durch die Fotografie verbunden, der
Weg der Bildfindung und erzeugung bleibt seltsamerweise dennoch
diffus. Ein Geheimnis – auf dieses scheinen Jamile Azadfallahs Bilder
kontinuierlich hinzuweisen, das jedoch bewahrt wird.

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